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Die Stadt der dünnen Mädchen

Drei Grazien und ein dicker Mann reisten nach Sankt Petersburg. Die Grazien bewunderten vor allem Kirchen und Schlösser – der dicke Mann schwärmte von den aparten Hungerhaken, die sich augenscheinlich nur von Mineralwasser ernähren

Reisebericht von Familie Römer

Seit einigen Jahren hat meine Frau die schöne Gewohnheit, ihrer Tochter zum Geburtstag eine Reise zu schenken, und ich darf jedesmal mit. Sankt Petersburg stand diesmal auf dem Wunschzettel – und so reisten wir vom 18. bis 22. Juni 2008 zu den Weißen Nächten, begleitet von unserer verständigen und liebenswerten Freundin.

Die meisten der dünnen Mädchen von Sankt Petersburg wollten sich nicht fotografieren lassen, oder ich war nicht mutig genug, sie um Erlaubnis zu fragen.
Sie sind in Wahrheit noch viel dünner, denn die Kamera macht dick...

Es ist Mittwoch, und wir versammeln uns in München Airport, um gemeinsam den Flug nach Sankt Petersburg anzutreten. Vorausgegangen war der Tanz um die Visa (sie verlangen allen Ernstes ein Foto und den Pass vier Wochen im voraus) und die ewige Frage, was man einpacken soll: Die Stadt im hohen Norden scheint zurzeit kühl und regnerisch zu sein. Russland lässt seine Besucher eine volle Stunde in der Schlange stehen, damit ein Stempel in den Pass gemacht werden kann – da hat sich seit Sowjetzeiten nichts geändert. Aber dann ist auch das überstanden, und hinter der letzten Tür steht Jurij, schnurrbärtiger Schlaks mit Bürstenhaarschnitt und einem Zettel, auf dem unser Name steht. Er wird uns die nächsten Tage mit deutscher Zunge durch die Stadt führen, und es wird noch eine Weile dauern, bis er Zutrauen zu uns gefasst hat.

Es regnet, erwartungsgemäß, und in unseren Taxen stehen wir eine weitere Stunde Schlange. Niemand ist so richtig gut gelaunt, aber niemand lässt es sich anmerken. Wetter und Laune sollten sich in den nächsten Tagen dramatisch verbessern. Das Grand Hotel Europa, korrekt Jewropeiskaja ausgesprochen, ist die Nummer eins in der Stadt und ein gewaltiger Bau mit 300 Zimmern, von denen wir sicher die kleinsten hatten – aber die waren auch schon sehr schön. Wir gehören nicht zu den Zeitgenossen, die an ihrem Zimmer herummäkeln.

Wir bummeln noch ein bisschen und buchen für den Abend einen Tisch im französischen Restaurant, wo sich seit meinem ersten Besuch in der Stadt vor 35 Jahren nichts geändert hat: Die alte Jugendstil-Pracht ist noch da, aber das Essen ist besser.

Petersburg muss die Stadt der Musik sein – jedenfalls hatten wir in unserem Hotel den Eindruck: Im Jugendstil-Ambiente wurde musiziert und gesungen, was das Zeug hält, zum Frühstück und am Nachmittag in der Glasgalerie wurde die Harfe gezupft, und die Jazzband in der Bar war auch nicht schlecht. Die Erklärung liegt in der Philharmonie gleich gegenüber, und darin, dass sich junge Musiker auf diese Weise ein ordentliches Zubrot verdienen können. Das nebenstehende Foto hat ein Kellner gemacht, und wir schauen alle gebannt, ob er den Blitz zum Zucken bringt.

Nein, wir haben durchaus nicht nur ein Ei gegessen und Wodka getrunken, obwohl die Fotos die Vermutung nahelegen. Es gab am perfekt französisch gedeckten Tisch ein sehr beachtliches Menü mit sechs Gängen, von denen wir zwei rauswarfen – nicht aber das „Egg in a egg“, Haus-Spezialität seit Zarenzeiten und für daheim sehr nachahmenswert: Halb flüssiges Rührei wird in eine Eierschale gefüllt und mit einem Löffel Kaviar gekrönt. Den Wodka gönnten wir uns zum Schluss – aus prächtigen Kristallgläsern, das Wappen der Zaren eingeschliffen. Es war ein Beluga, und sie verlangten zehn Euro fürs Gläschen – Petersburg ist nicht billig.

Dazu zirpte und zwitscherte es unaufhörlich, und wenn die Künstler Pause machten, dröhnten Tschaikowski- und Beethoven-Konzerte in voller Lautstärke durch den Saal. Musik zum Essen ist ohnehin fragwürdig, aber über den Pausensound sollte das Management mal nachdenken. Der Küchenchef hingegen verdient Lob: Frischer Fisch und zartes Fleisch, geschmacksreiche Saucen und dosierte Mengen. Unsere Laune besserte sich zusehends.

Es ist Donnerstag, und wir sind um zehn Uhr mit Jurij vor dem Hotel verabredet. Natürlich dauert es eine Weile, bis alle Grazien aus der Maske sind – aber wofür hat man schließlich einen Privatbus? Über den ewig langen, imposanten Newski Prospekt mit seiner goldenen Admiralitätsnadel am Ende geht es zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der majestätischen Stadt Peters des Großen.

Oben sieht man die Truppe auf dem Isaaksplatz vor dem Reiterstandbild des Zaren Nikolaus I., das Pferd anmutig tänzelnd. Hier fangen alle Führungen an, mit Marienpalast (heute Stadtparlament mit Orden und Ehrenzeichen aus der Sowjetzeit) und der längsten Brücke über die Newa. Die Isaaks-Kathedrale wäre als nächstes angesagt, aber die Damen (oben rechts) warten vergebens: Kein Strom in der Kathedrale; wir werden am Nachmittag wiederkommen.

Stattdessen geht es als nächstes zur Strelka, dem Börsenplatz mit seinen mächtigen, schiffsschnäbelgeschmückten Leuchttürmen. Hier empfing Sankt Petersburg seine Gäste, hier schaut man auf die Peter- und Paul-Festung, und vor dem Hintergrund des nadelspitzen Kirchturms und den choreografisch sprudelnden Fontänen treffen laufend Brautpaare mit Stretchlimousinen und Hummer-Langversionen ein, um sich hier zu küssen. Wir werden den eindrucksvollen Platz zur Johannisnacht noch einmal besuchen, wenn ein paar tausend Schüler hier ihr Abitur feiern.

Zwei weitere Highlights: Die „Blutkirche“ (Christi Auferstehungskirche auf dem Blute), die auch von Hundertwasser hätte stammen können, und oben der legendäre Panzerkreuzer Aurora, mit dem die glorreiche sowjetische Oktoberrevolution angefangen haben soll.

Jurij hat und natürlich noch mehr gezeigt und erklärt – das schlangetretende Reiterdenkmal für Peter den Großen vor Senat und Synode zum Beispiel, das Zarin Katharina mit der bescheidenen Aufschrift „Peter dem Ersten von Katharina der Zweiten“ errichten ließ, das Marsfeld mit ewiger Flamme und die Katahrinenkirche am Newski Prospekt, und, und, und – es ist das Schicksal des Touristen, dass man ihm vieles zeigt, er aber zwei Drittel davon sofort wieder vergisst.

Zur Mittagspause gibt es Mittagessen mit vier Gängen, und ich muss den leichten Vorwurf einstecken, das wäre ja nun wirklich nicht nötig gewesen. Unser heutiges Restaurant heißt Odin, macht auf Wikinger und hat einen Garten. Salat, Soljanka, Hühnchen und Süßes – drauf braucht man dringend einen Wodka. Die beiden Ladies suchen die Sonne zum Kaffee.

Sodann kommt die Peter- und Paul-Festung an die Reihe, die wir schon von der Strelka aus gesehen hatten. Eindrucksvolle Festungsanlage mit Johannestor, Peterstor und Newator mit etwas schrillem Denkmal Peters des Großen, dessen viel zu kleiner Kopf verbissen wie Hans Waltner aussieht und auf dessen Schoß die Mädchen herumrutschen: Angeblich geht dann der Kinderwunsch in Erfüllung.

Fast erschlagen vom Kirchen-Overkill, müssen wir aber doch noch in die am Vormittag geschlabberte Isaaks-Kathedrale, die schon wegen ihrer schieren Größe imponiert. Als eine der größten Kuppelkirchen der Welt (Kuppel von Coupole, nicht vom Kuppeln) hat sie einen trigonometrischen Messepunkt genau unter der Kuppel, und dorthin legt man tunlich seine Kamera, statt sich wie andere Touristen den Rücken zu verrenken. Auf dem Foto, das sogar das Täubchen in der Laterne zeigt, bin ich leider mit drauf.

Nun wäre es eigentlich genug Schauprogramm für den ersten Tag; wir legen uns eine Weile hin, aber die beiden anderen Ladies wollen noch schnell durch die Einkaufspassagen gleich um die Ecke vom Hotel, bevor es um acht zum Abendessen geht.

Jurij hatte uns gesagt, dass Russen immer schon ihre Feste nicht mit bäuerlicher Musik, sondern mit Zigeunerklängen zu garnieren pflegen – und so nehmen wir die schwarze Hotel- Limousine (einen Siebener BMW mit getönten Scheiben) und tafeln im Restaurant Demidow an der Fontaniki (leider im Keller), wo eine hinreißende Geigerin im Anna-Sophie-Mutter- Look, strolchige Tänzer, sagenhafte Pelmeni und ein schlechtes Stroganoff auf uns warten. Aber der Wodka ist gut.

Pelmeni sind Sibiriens Antwort auf die italienischen Ravioli, hier mit Bärenfleisch gefüllt. Sie werden mit Schmand und einem Schuss Essig gegessen. Wenn sie gut (also mit dünnem Teig) gemacht sind, könnte ich für sie sterben.


Und jetzt? Wir sind ja schließlich wegen der Weißen Nächte hier, und die wollen wir jetzt finden. Mit einem windschiefen Taxi, für das wir wieder einmal zu viel bezahlen, lassen wir uns erst zum gigantischen Schloßplatz und dann zur Strelka bringen, wo aber noch keine weiße Nacht in Sicht ist: Man sagt, die Festlichkeiten würden erst morgen beginnen.

Also zurück ins Hotel, hinein in die elegante und mit dünnen Mädchen in teuren Schuhen üppig bevölkerte Bar, wo eine dünne, bebrillte Sängerin erstaunlich satte Jazzklänge erzeugt. Wir setzen das Wodkatrinken fort, saufen uns also sozusagen die Nacht weiß. Schön, wie schnell man sich an die Sitten eines Gastlandes gewöhnen kann.

Haste nicht gesehen ist es schon Freitag, und nach einem harfenklang-geschmückten Frühstück nebst touristischem Erfahrungsaustausch mit jemand (aus Köln ist immer am selben Platz wie wir) sind wir einigermaßen pünktlich am Bus: Jurij hatte gedroht, wir würden das Schiff nicht kriegen, wenn wir wieder so trödelten.

Das Schnellboot (in einer selbst Jurij bis dahin nicht bekannten Variante mit VIP-Bestuhlung, wir leider nur auf den billigen Plätzen) brettert dreißig Kilometer über die Ostsee hinaus nach Peterhof, wo der baulustige Stadtgründer (der mit dem kleinen Kopf) sein persönliches Versailles errichtet hatte. Die Sowjets nannten es Petrodworez; seit 1992 heißen Ort und Schloss aber wieder Petergof (weil es im Russischen kein H gibt).

Wir durchwandeln einen Park ungeheuren Ausmaßes voller Fontänen, von denen die stattlichsten den Triumph Russlands über Schweden versinnbildlichen. 120 sollen es insgesamt sein, und keinerlei Pumpe ist dafür nötig: Alle sprudeln nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren, gespeist durch ein höher gelegenes Reservoir.

Wir bestaunen den Großen Palast mit der großen Kaskade und der Samson-Fontäne, sprechen über die baulüsterne Verschwendungssucht der Kaiserin Elisabeth, die ebenso wie Katharina statt eines Ateliers noch ein kleines Studierschloß hatte.

Am besten hat mir persönlich der Einblick ins Privatleben Peters des Großen gefallen. Man lässt uns ins Privatissimum des Herrschers, Schloss Monplaisir – sozusagen des Gegenstück von Preußenfriedrichs Sanssouci, aber noch viel kleiner und intimer, für einen neureichen Oligarchen von heute schon viel zu schlicht. Da wird die Begeisterung Peters für alles Maritime und alles Holländische deutlich (Näheres siehe „Zar und Zimmermann“, die Oper von Lortzing). Um seine Schiffslust zu stillen, musste er den Schweden erst mal ein Stück Küste abtrotzen und dort die Stadt bauen, die heute Petersburg heißt.

Zum allseits gefürchteten Mittagessen werden wir mit dem Bus auf schnurgerader Aufmarschstraße, parallel zur im 2. Weltkrieg so mißverständlichen Straßenbahn, wieder nach Sankt Petersburg gefahren – vorbei am von Putin wieder aufgebauten Konstantinpalast, heute Gästeresidenz der russischen Regierung am Meer und für Hochzeiten buchbar.

Das Restaurant heißt diesmal auf gut Russisch Hunter’s House und serviert ordentliche Fleischgerichte. Seine eigentliche Attraktion ist jedoch ein kleiner Kramladen nebenan.

Am Abend machen wir uns hübsch und lassen uns mit dem schwarzen BMW zum Marinskij- Theater bringen, Petersburgs berühmtester Spielstätte und zu Sowjetzeiten Kirow-Theater genannt. Drei Einakter von Strawinski werden gegeben – und zum Höhepunkt des Abends, einem göttlich inszenierten und getanzten Feuervogel, sehen wir von unserem Balkon auf einige leere Reihen: Da haben wohl manche Strawinski mit Tschaikowski verwechselt...

Nein, hatte ich im Hotel gesagt – wir wollen nach dem Theater nicht abgeholt werden. Noch in der Pause hatte ich im Restaurant Idiot (nach Dostojewskis Roman, aber trotzdem mutig, der Name) in fußläufiger Nähe zum Theater einen Tisch bestellt – aber die Ladies wollten nicht fußlaufen, schon gar nicht essen, sondern lieber zu den Weißen Nächten. Also mit dem Taxi wieder zur Strelka – und mitten rein in die Abiturfeiern. So hatten wir uns das nicht gedacht. Spaziergang über die mal abgesperrte und mal wieder nicht abgesperrte Schlossbrücke, radebrechende Wortwechsel mit Soldaten oder Polizisten (was in Russland dasselbe zu sein scheint) – und die Logik, dass je mehr Sterne auf den Schultern, desto größer die Chance auf englische Sprachkenntnisse, stellt sich als Irrtum heraus.

Kurz darauf werden wir uns durch unvorstellbare Menschenmassen drängeln, uns von wohlmeinenden Ordnern vor Dieben und Kidnappern warnen lassen, am Ende ein Taxi aufgabeln und auf Schleich- und Umwegen (wegen der vielen gesperrten Straßen) unser Hotel erreichen, wo sie natürlich schon alle Küchen geschlossen haben und wir uns in der Bar mit lieblosen Caesarsalaten und Club-Sandwiches trösten: Ende einer weißen Nacht, die wir mit Wodka versüßen. Ach ja – das Feuerwerk, das wir so ersehnten, fand gegen zwei Uhr morgens statt, als wir schon in den Betten lagen. Das sahen wir am nächsten Morgen im Petersburger Frühstücksfernsehen. Verständlich eigentlich, denn früher wäre es einfach noch zu hell gewesen...

Noch zwei Tage, der Samstag und der Sonntag, wollen mit Leben und Programm gefüllt werden. Ich mache es kurz, denn die Geschichte ist jetzt schon viel zu lang:

Also am Samstag holt uns Jurij zum großen Eremitage-Treck. Das heißt, wir sind den ganzen Tag auf Kultur-Tour, und ich ziehe natürlich meine Massai-Barfaß-Schuhe an.

Alles hat einmal ein Ende, auch das Erimitage-Marathon. Eremiten haben wir keine gesehen...

Es gibt wieder Mittagessen, und wir haben inzwischen die nötige Gelassenheit, die vier Gänge über uns ergehen zu lassen. Wir trinken ein frisch gezapftes Petersburger Bier dazu.

Für den Nachmittag steht ein Besuch im Jussupow-Palast auf dem Programm. Fürst Jussupow war derjenige, der den legendären Rasputin umgebracht hat. Ein kleines Puppentheater im Keller soll uns das verdeutlichen. Im übrigen strotzt der Palast nur so vor Prunk. Heute hütet ihn die Lehrergewerkschaft.

Sonntag, 22. Juni

Letzter Tag. Mit gepackten Koffern starten wir nach Puschkin. Das ist eine Stadt 25 Kilometer südlich von Sankt Petersburg, die zu Zarenzeiten Zarskoje Selo hieß, „Zarendorf“. Wer glaubt, mehr Goldschmuck geht nicht, muss in ein paar Jahren wiederkommen: Angeblich ist das Geld schon da für eine Komplettvergoldung aller Kapitelle und Verzierungen der bombastischen Schlossfassade. Hier schlägt das Riesenreich seine Auffassung von gerechter Verteilung des Volksvermögens alles, was wir bisher gesehen haben.

Stimmgewaltige Sänger servieren uns ein wuchtiges russisches Volkslied, und natürlich kaufen wir sofort ihre CDs. Schöner Schlusspunkt einer eindrucksvollen Reise.

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